Das Geheimnis des Goldenen Elixiers

Meister Tung Hsuan sagt:

„Von allem, was dem Menschen nützt, ist nichts mit dem Geschlechtsverkehr vergleichbar.
Sein Vorbild ist die Vereinigung von Himmel und Erde.
Er ist die Ordnung des Yin und des Yang.
Wer um die Natur der Sexualität weiß, kann seine Lebenssubstanz mehren und sein Leben verlängern.
Wer diese Wahrheit nicht begreift, verletzt seinen eigenen Geist und wird vor der Zeit sterben.“

(Tung Hsuan Tzu, ca. 5.-7. Jh.)

Das Wort „Tao“ finden wir in zahllosen Zusammenhängen, von „Tao der Physik“ bis „Tao-Massage“, doch nur wenigen ist bekannt woher es stammt und was es bedeutet.

„Tao“ (auch Dao geschrieben) bedeutet übersetzt „der Weg“, „der Sinn“, „das Gesetz“, „das Wesen“ und entstammt der altchinesischen Kultur. Um 500 v. Chr. wurde es durch Laotse im „Tao Te King“ in die Philosophie eingeführt. Seither steht der so genannte Taoismus für das Geheimnis um Ursprung und Sinn des Universums und des Lebens.

Das taoistische Weltbild baut auf einer Sexualmystik auf: die Welt als ein Spiel von Yin und Yang, ein Spiel der weiblichen und männlichen Kräfte. Ein zentrales Symbol für die taoistische Sicht des Weltgeschehens ist das Wasser: es gilt als dunkel, geheimnisvoll, alles durchdringend, bescheiden d.h. für alle da und so das Leben erhaltend, sanft und dennoch stärker als der stärkste Fels. Es ist zugleich Symbol für die weibliche Kraft „Yin“. Der Taoismus ist damit eine Philosophie des Wassers und so eine Philosophie der Körpersäfte und Sekrete.

Seit Urzeiten haben sich die altchinesischen Weisen mit den Geheimnissen der Sexualität beschäftigt. Sie waren Beobachter und Experimentatoren, nicht Moralisten. Sie stellten nicht Kataloge von Verboten und Verhaltensregeln auf, sondern sie versuchten unbefangen herauszufinden wie Sexualität am besten gelingt. Und sie haben uns viele wirksame Erkenntnisse, die auf Erfahrungswissen beruhen hinterlassen. Dabei scheuten sie nicht vor aus unserer Sicht ungewöhnlichen Praktiken zurück, da es ihnen nicht nur um Fortpflanzung und Lust ging, sondern auch um die Bedeutung der Sexualität für die Gesundheit, die Jugendlichkeit, ja auch für die Erleuchtung, die sie „Unsterblichkeit“ nannten.

Der Taoismus ist eine der wenigen Philosophien und geistigen Wege, die die sexuellen Kräfte als Wirkkräfte allen Geschehens ansehen. Die Sexualität wird folglich nicht nur als Geschlechtsverkehr von Lebewesen begriffen, sondern als Urkraft der Schöpfung im umfassendsten Sinn, als Spiel von Yin und Yang.

Für die „Meister des Wegs“ (Taoisten) gehört die Sexualität zur Grundordnung der Welt und des Menschen. Daher empfehlen sie Geschlechtsverkehr und warnen vor Enthaltsamkeit. Denn aus ihrer Sicht dient die richtig gelebte Sexualität der Gesundheit und stärkt die Lebenskräfte.

Die richtige Liebespraxis ist kein Geschenk der Natur, sie will erlernt und kultiviert werden. Eines der wichtigsten Themen für den Liebesakt ist Kontrolle, um höchstmögliche Lust und Geistigkeit zu erlangen. Ganz im Sinn der fundamentalen, gegensätzlichen Unterschiede von Yin und Yang, soll der Mann lernen sich während des Liebesaktes zu kontrollieren. Er soll nicht ejakulieren und dennoch einen Orgasmus haben. Die Frau ihrerseits soll lernen die Kontrolle aufzugeben, sich fallen zu lassen und sich ganz ohne innere Hemmungen ihrem ureigenen Energierhythmus hinzugeben.

Nur wenn der Mann sich nicht beim ersten Ansturm seiner Gefühle vergisst und ejakuliert, sondern lernt die Ejakulation zu kontrollieren, kann er ein höheres Niveau der sexuellen Leidenschaft und damit das Niveau von ekstatischem Sex, die Multiorgasmusfähigkeit erreichen. Nur wenn die Frau lernt im Liebesspiel ihre Ängste, Sorgen, innere Verspannungen loszulassen, um sich dem Fluss ihrer Leidenschaft hinzugeben, also lernt die Kontrolle zu verlieren, wird sie das ekstatische Niveau in der Sexualität erreichen. Dies ist jedoch Voraussetzung für eine Vergeistigung der rein körperlichen Lust: universelle Liebe.

Die Taoisten empfehlen den bewussten Umgang mit der Sexualität und sie entwickelten sie zur „Liebeskunst“. In Handbüchern, den so genannten Kopfkissenbüchern, die unter dem Kopfkissen im Schlafgemach bereit lagen um sich beim Liebesspiel anregen zu lassen, die es bereits vor unserer Zeitrechnung gegeben haben soll, sagten sie den Paaren, wie sie Sexualität praktizieren sollen, damit Harmonie von Yin und Yang entsteht.

Wir sind heute im Allgemeinen der Meinung, dass häufiger Sex schadet: der Gesundheit, der persönlichen Leistung, sei sie sportlich oder beruflich und schließlich dem inneren Gleichgewicht. Überhaupt verbinden wir mit Sexualität eher den Begriff Krankheit, als Gesundheit. Aufklärung heißt häufig nur aufzuzeigen, welche Geschlechtskrankheiten es gibt und wie man sie verhindern bzw. behandeln kann. Über Gesundheitsvorteile durch gelebten guten Sex erfährt man, insbesondere die Heranwachsenden, nichts. Die alten Chinesen fanden jedoch heraus, dass richtiger, guter Sex geradezu ein Heilmittel ist und möglichst häufig angewendet werden sollte. Was richtiger, erfüllender Sex ist, das sagen die alten taoistischen Sexualhandbücher auf erfrischend offene, dennoch liebevoll poetische Weise.
Zum Beispiel empfehlen sie liebenden Paaren, sich morgens und abends zu vereinen, um das Band der Liebe zu stärken. Diese Vereinigung soll nicht primär der Lust dienen, sondern der Gesundheit auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene.

Selbst eine kurze Vereinigung ohne Höhepunkt regt die Produktion von Sexualhormonen an, Testosteron und Östrogen. Sie gelten als Grundbausteine unserer Vitalität.

Die morgendliche und abendliche kurze Vereinigung regt jedoch nicht nur die Hormone an, sondern stärkt das Verbundenheitsgefühl des Paares und ist ein Geschenk an den Partner für sein Wohlbefinden. Schließlich ist die kurze Vereinigung gerade für den Mann ein äußerst wichtiges Training, sich von seiner aktiven, vorwärts drängenden sexuellen Energie nicht übermannen zu lassen, sondern sie bewusst in Kontrolle zu halten. Dies stärkt sein Selbstbewusstsein, erhöht seine Potenz und bestärkt ihn, seine sexuelle Energie nicht bewusstlos auszuleben, sondern in den Dienst der Liebe zu stellen. Selbstverständlich sollte dies kein zwanghaftes Ritual mit Pflichtcharakter werden, sondern nur in liebevoller Übereinstimmung, wenn beide es wünschen, auch geschehen. Dieses Liebesritual wird „Morgengebet“ und „Abendgebet“ genannt. Die nicht auf Lustbefriedigung gerichtete liebende Vereinigung führt das Paar, wenn auch nur kurz, in einen meditativen Glückszustand, der den Tag und die Nacht erfüllt. Dies gelingt, wenn Mann und Frau sich in enger Umarmung halten und der Mann seinen Penis sanft und mit der geringsten möglichen Bewegung in die Vagina einführt und beide sich für einige Minuten möglichst bewegungslos dem Pulsieren und Fluss der Energien hingeben, die sie einander schenken. Ein Orgasmus wird nicht angestrebt, sondern ein Zustand inniger Verschmelzung mit dem Liebespartner.

Diese Zurückhaltung der Ejakulation muss allerdings geübt werden, denn der natürliche Wunsch des Mannes ist es auf einem bestimmten Erregungsniveau zu ejakulieren. Fälschlicherweise wird das Ejakulieren als Orgasmus bezeichnet, denn Orgasmen kann es für den Mann auch ohne Ejakulation geben. Doch das muss er erlernen und trainieren: die Zurückhaltung. Dabei lässt der Mann seine Erregung nur bis nahe an den „Punkt ohne Umkehr“ ansteigen, den Punkt an dem er ejakulieren müsste ob er will oder nicht. Kurz davor hören er und seine Partnerin mit jeder Bewegung des Beckens auf. Zugleich kontrahiert der Mann alle Beckenbodenmuskeln und mit einer bestimmten Atemtechnik zieht er die hohe Energieansammlung um seine Prostata über den Meridian „Dumai“, das in der Wirbelsäule verlaufende Lenkergefäß, nach oben in den Kopf und verteilt sie anschließend im ganzen Körper. Dadurch erhält er sich nicht nur seine Energie, sondern nutzt sie auch zur Stärkung des Gehirns und aller Organe. Sein Körper wird mit bester Energie aufgeladen.

Auch die Frau profitiert davon, denn sie zieht die reichlich vorhandene Yang-Energie des Mannes in sich hinein und hinauf und lässt sie zusammen mit ihrer erregten Yin-Energie über den so genannten himmlischen Energiekreislauf im ganzen Körper zirkulieren. Analog verfahren Mann und Frau, wenn die Frau zum Höhepunkt kommt, den sie entweder zulassen, da sie keine Energie verliert, oder auch zurückhalten kann. Dann kann die Frau ihre Energie in ihrem Körper zirkulieren lassen und der Mann erhält weibliche Yin-Energie über seinen Penis, die er mit seiner Erregungsenergie zusammen in alle Zellen hinein senden kann.

Schließlich können Mann und Frau in einem tiefen Liebesakt ihre Energien gegenseitig austauschen und in ihren Körpern gemeinsam im himmlischen Energiekreislauf zirkulieren lassen. Dies ist die heilende Kraft von Liebe und Sex.

Sie gemeinsam zu erzeugen, auszutauschen und dem Partner als Liebesgeschenk zu machen ist das Geheimnis des Goldenen Elixiers. Sie hebt das Paar auf ein völlig neues Niveau körperlicher, seelischer und geistiger Liebe und lässt alle egoistischen Tendenzen, die der Sexualität auch inne wohnen, verschwinden. Das multiorgasmische Paar ist geboren, das Liebe und Sex zum gegenseitigen Wohle und zur Erfüllung praktiziert.

Die alten Taomeister haben eine Fülle weiterer Erfahrungen und Methoden weitergegeben, wie die sexuelle Energie als Heilenergie eingesetzt werden kann. Zum Beispiel haben sie den Paaren empfohlen bei bestimmten Krankheiten auf festgelegte Art und Weise sich zu vereinigen. Diese rezeptmäßigen Anweisungen enthielten Angaben an wie vielen Tagen, wie oft am Tage, mit wie vielen Stößen bis in welche Tiefe und in welchen Positionen die Vereinigung zu vollziehen sei, um eine Krankheit zu heilen. Dies mag uns heute exotisch und unglaubwürdig vorkommen. Doch es wäre für liebende Paare eine große Bereicherung ihres Liebeslebens, diese Rezepte auszuprobieren. Es würde das Liebesspiel des Paares um den Forscherdrang des Mannes und die Heilkraft der Frau bereichern ohne in die Sterilität einer medizinischen Laboruntersuchung oder einer Krankenhausbehandlung zu fallen.

Zum Beispiel führt Stephen T. Chang in seinem Buch „Das Tao der Sexualität“ (Goldmann 1995) folgende Heilstellung für Beschwerden der Frau an:

„Der Mann liegt auf dem Rücken. Die Frau kniet über ihm und kehrt ihm den Rücken zu. Nur die Spitze des Penis dringt in sie ein, während sie das Becken in beide Richtungen kreisen lässt solange es ihr angenehm ist.“

Diese Stellung ist eine der sieben heilenden Stellungen für die Frau und soll für sie „bei Wasserstau, Nierenerkrankungen und Blasenbeschwerden, chronischem hohem Fieber und Erkrankungen der Hirnanhangdrüse“ heilend wirken.

Selbstverständlich darf der Mann dabei nicht ejakulieren, er muss also die Samenzurückhaltung beherrschen und nicht die Kontrolle verlieren. Analoge heilende Koitusstellungen gibt es bei Krankheiten für den Mann. Wenn auf diese Weise Krankheiten günstig beeinflusst werden können, dann ist sexuelle Liebe nicht mehr nur körperliche Lust, sondern wahre heilende Liebe. Eine tiefe geistig-seelische Verbindung zwischen Mann und Frau stellt sich ein.

Um diesen Weg zu gehen ist Offenheit und Hingabe notwendig und man muss bereit sein viel zu üben, sowohl allein als auch gemeinsam als Paar. Dann wird das goldene Elixier im Mann und in der Frau seine transformierende Kraft entfalten.